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Pater Johannes Siebner SJ

 

Kolleg
St. Blasien








Das Kolleg Sankt Blasien ist ein international ausgerichtetes Jesuitengymnasium mit Internat für Mädchen und Jungen. Die Imagebroschüre des Kolleg öffnet mit einem Grundgedanken ignatianischer Erziehung: „Weltweit wollen Jesuitenschulen Orte sein, an denen jeder Mensch seine Würde als Individuum erfährt, über die Bedeutung des Gelernten nachgedacht wird, Einsatz erfolgt für Gerechtigkeit im unmittelbaren Umfeld und in der Welt, die Frage nach Gott gestellt und wach gehalten wird.“
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An der Spitze des Jesuitenkolleg zu Sankt Blasien steht Pater Johannes Siebner SJ. Ihn und seine Motive wollte ich ein wenig genauer kennen lernen.
 
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Interview












Pater Siebner, wie sind Sie aufgewachsen? Gibt es wichtige Erfahrungen oder Determinismen mit Nachklang?
Mit dem Begriff Determinismus sind Sie natürlich bei einem Christenmenschen an der falschen Adresse, und trotzdem gibt es sie. Es gibt Prägungen, die sehr sehr stark sind, ohne dass sie Determinismen sind. Ich bin aufgewachsen als viertes von fünf Kindern. In Berlin. Nach dem Mauerbau. Im Diasporakatholizismus. In dem, was man eine intakte Familie nennen würde. Am Stadtrand von Berlin, fast dörflich, aber eben doch in der großen Stadt Berlin, die geprägt war durch die Teilung. Die ganze Familie war geprägt durch die Teilung. Wir hatten Verwandtschaft im Osten. Das war dann nach '73 immer ein echter Aufstand. Übergang, Eintritt bezahlen und so weiter. Das hat uns sehr geprägt. Aber ich habe das erst nach dem Mauerfall richtig gemerkt. Die Wende war sehr wichtig, '89. Es ist diese typische West-Berliner Mentalität, diese Frontstadtmentalität und auch der Diasporakatholizismus, die mich, glaube ich, sehr geprägt haben.

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Aber die Berliner Schnauze haben Sie nicht, oder?
Da kann ich sofort umstellen aber ich bin seit '83 weg aus Berlin. Und dass man Dialekt spricht war damals nicht populär. Das war so ein bisschen das Kennzeichen der Ost-Berliner, die wiederum haben berlinert, weil sie sich ein bisschen von der Quasi-Staatssprache sächsisch abheben wollten. Also bei uns in der Familie, in der Grundschule und auch im Canisius-Kolleg war das nicht gewollt. „Nuscheln Sie nicht“ hieß es da in der Schule. Aber ich neige dazu, ohne es zu wollen, dass ich Redewendungen und Tonfall übernehme, wenn ich irgendwo länger bin.

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Wie haben Sie ihre Entscheidung gefällt in den Orden einzutreten?
Hintergrund ist sicherlich das Aufwachsen in der Pfarrei, im Jugendverband KSJ. Die Verbandszugehörigkeit, meine Gruppe. Meine politische Arbeit war immer eine kirchliche Jugendarbeit. Auch in den Zeiten, in denen ich innerlich bzw. intellektuell nichts zu tun haben wollte mit Glauben und Kirche, war ich faktisch immer mit der kirchlichen Jugendgruppe verbunden. Alle meine Freunde kamen aus der Jugendarbeit, aus dem BDKJ. Das ganze politische Engagement. Damals wurde in Berlin die Alternative Liste gegründet. Hausbesetzerszene, Nato-Doppelbeschluss - das hat mich alles sehr geprägt. Ich war politisch sehr aktiv. Ich habe mich 1980 am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaften eingeschrieben. All diese Debatten, all das Ringen fand für mich immer im kirchlichen Milieu statt; nicht, weil ich das so entschieden hätte, sondern weil es faktisch mein Milieu war, weil dort meine Freunde waren.

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Dann hätte man Sie auch als Friedensaktivist bezeichnen können?
Ja, ich war ziemlich aktiv dabei. Ich erinnere mich gut an den 10. Oktober 1981, an die große Demo gegen den Nato-Doppelbeschluss, in Bonn.

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Das ist ja interessant, da war ich auch. Und ich erinnere mich an die Rede des Erfurter Probstes Heino Falcke auf der Bonner Hofgartenwiese. „Schwerter zu Pflugscharen“, „Aktion Sühnezeichen“ und die Solidarność fallen mir da ein.
Ja, das war die Zeit direkt nach dem Abitur, als noch nicht klar war, was werden sollte. Also, ein Grund ist diese Milieuabsicherung gewesen. Das zweite war die kritische Auseinandersetzung mit meiner Zeit am Canisius-Kolleg, die alles andere als leicht war. Ich war eher ein mäßiger Schüler. Alles war wichtig, aber nicht die Schule. Das war ein bisschen mühsam. Aber auch da das politische. Ich war dann irgendwann Schülersprecher und musste einige Male hinstehen.
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Waren die Schüler damals politischer als heute?
Das weiß ich nicht. Es gab damals die Vorstellung, etwas verändern zu können. Das ist ja die Voraussetzung dafür, dass man etwas verändern will. Es gab einen wahnsinnig moralischen Anspruch. Es gab ein Suchen nach Authentizität, nach Echtheit. Es entstand damals eine breite Bewegung zur Ökologie. Bhagwan. In jedem zweiten Taxi saß ein Orangeträger. Letzteres übrigens hat mich nie interessiert. - Die Psychologisierung der 70er wurde am Ende der 70er zu einer Suche nach Authentizität im Handeln, so deute ich das. Das, was die 68er, zu denen ich sicher nicht mehr zähle, durchlebt haben, war für uns schon nicht mehr interessant. Die Krisen und Konflikte waren für mich durch. Ich versuchte die Welt zu verändern. Mir ging es dabei nicht mehr um Vergangenheitsbewältigung und auch nicht um ideologisch-weltanschauliche Wahrheiten.

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Ist das „die Welt verändern“ nicht immer noch ein ganz starkes Motiv, ein Handlungsmotiv?
Ja und Nein. Einerseits ist das Motiv stark und wach, auch bei den jetzt 17-22 jährigen. Aber die Welt ist komplexer geworden, was zugegebenermaßen eine relativ banale Erkenntnis ist. Andererseits habe ich mir persönlich auch einiges abgeschminkt, was die Machbarkeit von Veränderung oder gar Weltverbesserung betrifft.

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Zurück zu Ihrer Entscheidung in den Orden zu gehen
Ich habe für mich immer wahrgenommen, dass mir eigentlich nichts passieren kann. Milieuabgesichert, familienabgesichert. Mit einer psychischen Grundstruktur, die eher positiv ist. Ich hatte nie Existenzängste. Deswegen konnte ich mich leichter, altruistisch auf die Weltverbesserung und auf Freunde freuen. Ich hatte immer Lust, Kraft und Luft mich zu engagieren, oder Not zu sehen. Das war nie anstrengend. Wahrscheinlich hängt das auch damit zusammen, dass ich mit einem Vater gesegnet war, der Politiker war. Ein Mann, der Politik nie als Job verstanden hat. Und nie als Karriere. Sondern immer mit Herzblut. Das war für mich immer Vorbild. Aber wir haben oft miteinander gekämpft, weil er all das, was ich machen wollte, inhaltlich schrecklich fand. Er hat es aber immer respektiert. „Das, was du machst, ist zwar Quatsch, aber mach weiter, engagier Dich!“

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Welche Vorbilder haben Sie und Warum?
Mein Vater, der Homo Politikus, der Lustmensch, der Machttyp, der Zupacker, der Familienmensch, mit dem man streiten konnte, mit dem man unendlich viel Spaß haben konnte. Das weiß ich aber erst durch die Reflexionsprozesse, die Trauerprozesse seit seinem frühen Tod. Es gibt sicherlich noch andere Vorbilder. Meine Mutter in ganz besonderer Weise auch.

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Ist es für das Aufwachsen wichtig Vorbilder zu haben?
Absolut. Für das Aufwachsen ist es wichtig, Vorbilder zu haben, damit man davon weg kommt. Das Erwachsenwerden ist für mich die Ablösung von Vorbildern. Ich bin dann erwachsen, wenn ich so sein will, wie ich bin. Wenn ich so sein will wie z. B. Elvis Presley, Che Guevara oder John F. Kennedy, ist das zunächst okay. Und ich glaube, ich muss diesen (jugendlichen) Weg der Orientierung gehen. Als Erwachsener finde die vielleicht noch toll, aber ich will nicht mehr so sein wie die.

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Bietet die Schule von heute diese Möglichkeit des Erwachsenwerdens? Ist Schule Ausbildung oder Allgemeinbildung?
Meine Erfahrung aus über 25 Jahren führt zu dem Ergebnis: Schule muss beides. Und das, was öffentlich verlangt wird, erst als Zweites, nämlich Ausbildung, „fit for the job“ und so weiter. Das ist ganz wichtig, aber für mich deutlich das Zweite. Das Erste ist für mich Erziehung und Bildung. Da darf die Schule sich nicht heraus stehlen. Grundsatz ist dabei: Dass ich mich zu dem, was ich lerne, nochmal verhalte. Das ich reflektiere über das, was ich tue. Und dass das Lernen ganz wesentlich mit Erfahrung und mit Übung zu tun hat. Wenn ich die Umstellung auf das G8-System kritisiere, dann ist der Hauptgrund für mich, dass wir keine Zeit mehr haben, mit den Kindern zu üben. Ich muss Zeit haben das, was ich lerne, Ignatius würde sagen, zu verkosten. Zu üben, Erfahrungen mit dem Gelernten zu machen, Stellung zu nehmen, mir ein Urteil zu bilden. Und wenn das nicht gelingt, ist Lernen überflüssig.

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Pater Siebner, wenn heute ein Mädchen geboren wird, hat dieses Mädchen eine Lebenserwartung von 100 Jahren. Wie ist es denn dazu gekommen, dass unseren Kindern weniger Zeit zum Lernen gegeben wird?
Öffentlicher Druck. Internationale Vergleiche. Man hat nach der Wiedervereinigung die G8-Züge, die man in der DDR hatte, zum Anlass genommen. Es gibt da auf Kosten der privaten Träger auch noch eine Spardebatte. Aber das ist ein anderes Thema. Ich glaube, dass die Generation über uns folgenden Blick auf unsere Generation hat: Das sind Leute, die zu spät in die Puschen kommen, die nicht wissen, was sie wollen. Die 30 sind, bis sie das erste regelmäßige Gehalt bekommen. Diese Sichtweise ist meines Erachtens falsch und ungerecht, wenn nicht sogar eine Projektion auf die eigene Vergangenheit. Diese Generation, die also Mitte der 50er bis Mitte der 60er geboren wurde, die hatte noch eine ganz andere Gelassenheit. Die Aussage: Wenn man einigermaßen begabt ist, dann fällt man auf die Füße. Wir haben einfach mal drauflos studiert. Und das hat unsere Elterngeneration in den Wahnsinn getrieben. Aus uns wird schon was werden. Das ist ein bisschen der Hintergrund für diese Debatte, die jetzt immer mehr Tempo fordert. Und die angelsächsischen Vorbilder.

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Warum sind Sie Jesuit geworden?
Zunächst gab es da sehr persönliche Erfahrungen, auch traurige und dramatische Erfahrungen, die meinen Blick auf die Dinge ganz wesentlich verändert haben. Trauerfälle in der Familie. Ich hatte in Israel 1982 hautnah unmittelbare Kriegserfahrungen gemacht, der Libanonfeldzug. Das sind so Dinge, die verändern ein bisschen die Perspektive. Dieser Background hat nicht determiniert, aber einen Humus, einen Ackerboden gegeben, der dazu geführt hat, dass ich Priester werden wollte. Das konnte, bei all den negativen Dingen, die ich gesehen habe, ein erstrebenswertes Ziel werden. Grundlegend gab es ein theologisches oder eher geistliches Erlebnis. Ich habe als Verwunderung ganz tief erlebt, wie es sein kann, dass ich in dramatischen, schwierigen Situationen ein ruhiger Mensch bleibe, nicht verzweifle, nach vorne schaue, auch immer noch Freude am Leben habe. Sogar die Tatsache, dass ich noch lebe, habe ich erfahren als nicht mein Verdienst, sondern als Geschenk, theologisch würde man sagen als Gnade. Diese Grunderfahrungen, vor allem durch die Kriegserlebnisse, haben mich wahnsinnig geprägt. Ich habe es nicht begriffen - wie kommt es, dass ich nicht verzweifle. Sondern, dass ich immer noch bereit bin, Vertrauen zu investieren. Dass ich Dinge riskiere. Dass ich immer noch Freude habe. Dass mir meine Positivität, meine Freude nicht verloren gegangen sind. Glücklicherweise habe ich das religiös deuten können. Und wenn das so ist, wenn das so mächtig ist, dann will ich das, was ich selber erlebt habe, weitergeben, repräsentieren, quasi professionell weitergeben. Ich wollte in einen Orden – Das Kibbuzleben habe ich ja in Israel schon erfahren dürfen. Und das war für mich eine positive Erfahrung. Gemeinschaftsleben, kollektives Eigentum, das habe ich im Kibbuz ein halbes Jahr lang gelebt. Das war attraktiv für mich. Ich begab mich also auf die Suche nach dem geeigneten Orden. Franziskaner, Dominikaner, Augustiner Letztlich geht es dann doch über Beziehungen. Und die Jesuiten waren die, die ich aus der Jugendarbeit und der Schule kannte. Dann wurden zwei Dinge für mich wichtig. Einmal das schauen auf die Ordensgründerfigur Ignatius von Loyola. Und das ausführliche Gespräch mit einem Jesuiten, von dem ich wusste, dass er den Orden verlässt. Der hat mir Mut gemacht, diesen Weg zu gehen.

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Wie werden Entscheidungen gefällt?
Jede Entscheidung muss vor dem Forum der Vernunft Stand halten können. Mein Bild dazu ist eine Slalomfahrt. Die Entscheidungen, die Menschen fällen, sollten aufgrund einer umfangreichen Bestandsaufnahme entstehen. Was rät der Experte, welche Erfahrungen bringe ich mit, was rät mein bester Freund. Wie sind die Dinge, wo kann ich mir Rat holen. Und dann gilt am Schluss aber der Luthersatz: „Hier stehe ich und kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“ Ich muss entscheiden. Ich übernehme Verantwortung und nicht die Welt, die Gesellschaft oder die Umstände. Erziehung muss dazu kommen, dass am Ende einer sagen kann, „Ich übernehme Verantwortung für normatives Handeln und nicht die Gesellschaft“. Ich bin dann übrigens auch dazu verpflichtet, diesen Weg zu gehen. Ich darf nicht nur im Kopf entscheiden, ich muss, meiner Ansicht nach, ein gewisses Entscheidungslot fällen. So funktioniert ein ethischer Prozess.

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Erklären Sie mir bitte die 30-tägigen „Geistlichen Übungen“, die Exerzitien.
Das ist das Erbe, das Testament des Ordensgründers des Jesuitenordens an die Kirche. Man kann das auch zeitgeschichtlich-philosophisch untersuchen. Kolumbus entdeckt die Neue Welt. Descartes entdeckt das Objekt. Dann kommt da ein geistlicher Führer, der das Subjekt entdeckt. Der Ausbruch aus dem Ordo, wo alles klar ist, in dem die Aufgabe des Menschen war, sich dort einzugliedern. Und dann kommt einer und sagt: „Du bist als Einzelner von Gott gerufen“. Es geht um die Beziehung von Schöpfer und Geschöpf. Das war das Neue. Es geht um Dich! - Was passiert in den Exerzitien. Das Fundament fängt an mit einem Satz aus dem Katechismus: „Der Mensch ist geschaffen, um Gott zu loben, zu lieben“ und so weiter. Zum Verständnis der Exerzitien gehört für mich, aus dem Komma: „Der Mensch ist geschaffen – Komma - um Gott zu loben…“ einen Punkt zu machen. „Der Mensch ist geschaffen“ Punkt. Der erste Teil der Exerzitien reflektiert nur auf die Tatsache, dass ich mir meiner Geschöpflichkeit bewusst werde. Dass ich so, wie ich bin, geschaffen bin. Dass ich so, wie ich bin, liebenswert bin, weil ich mindestens mal von Gott so geliebt werde. Und dass ich so, wie ich bin, im nächsten Schritt auf mich schauen kann. Und zwar so, wie ich bin, nicht, wie ich sein soll. Das zweite ist die Begegnung in den Exerzitien mit dem Herrn.

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Ist Religion nicht anthropozentrisch? Oft ist ein menschliches Handlungsmotiv, Schaden von sich abzuwenden, nicht von der Allgemeinheit. Das Motiv Ökoprodukte zu kaufen, ist oft ein Egoismus, nicht die Bewahrung der Schöpfung. Mit dem Porsche zum Ökoladen. So wichtig ist der Mensch nicht!! War das nicht die Aussage des Todes am Kreuz?

Nein. Das ist wie eine Waage. Unsere Elterngeneration ist sozusagen um das Selbst betrogen worden. Da gab es ein mächtiges Bild, das ihnen zeigte, wie sie zu sein haben. Eine Theologie, die einen fernen, strengen, aber auch klaren Gott vor Augen hatte. Mit der Psychologisierung auch der Religion wurde dann zu viel in die andere Waagschale gelegt. Dieses erste Gebot, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Das „wie dich selbst“ hat man einige, vielleicht einige hundert Jahre vergessen gehabt. Die Erkenntnis, dass ich einen anderen nur dann lieben kann, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin. Und dann haben uns die 70er und 80er Jahre den Akzent auf das „mit sich selber im Reinen sein“ gesetzt. Selbstfindung ist der zentrale Begriff. Ein älterer Pater hat mir einmal gesagt: „Wer selbstlos ist, ist sein Selbst los“. Er wollte damit pointiert gegen altruistische Ansätze sprechen. Immer nur an den Anderen denken, immer nur an das Wohl der Welt und an den Notleidenden. Da ist natürlich etwas dran, aber ich fand diese Polarisierung immer furchtbar, weil das eben zu einer „Selbsterlösungsreligion“ führt. Wir haben jetzt also die Entdeckung des Selbst und des Individuums. So befinden wir uns in der anderen Schale der Waage. Ein guter Indikator hierfür ist die Musikliteratur. Vergleichen Sie sprachlich das Gotteslob mit dem neuen geistlichen Liedgut. In den alten Liedern wird immer von „Gott“ geredet. Im neuen geistlichen Liedgut wird immer nur von „mir“ geredet. „Ich“ als zentraler Begriff. Jetzt merken wir, dass da etwas verloren gegangen ist. Nämlich der Blick auf Gott. Freiheit hat die Voraussetzung, dass diese Freiheit gewährt ist. Und ich glaube, letztlich lässt sich das nur religiös begründen durch den Schöpfungsgedanken. Ein anderes Konzept leuchtet mir, auch nur philosophisch, nicht ein. Da rede ich noch gar nicht von Religion. Ich brauche zum Beispiel für einen ethischen Prozess, für einen normativen Prozess keine Religion. Für eine materielle Ethik ist Religion eher hinderlich. Aber die Tatsache, dass ich frei bin, dass ich eine Entscheidung treffen kann, das lässt sich nur religiös beantworten. Warum für das Leben, gegen Abtreibung oder gegen Atomkraft, das lässt sich nicht exklusiv religiös begründen. Und das Argument der Nachhaltigkeit ist kein religiöses Argument. Es gibt religiöse Motive, hier zum Beispiel „Bewahrung der Schöpfung“, alles richtig, für normative Entscheidungen beeinflusst mich das alles. Aber es kann keine Ethik geben, die allein religiös begründet ist. Das ist nicht haltbar und auch nicht wünschenswert.

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In Ihrem Büro hängt »Shou«, das chinesische Schriftzeichen. Das bedeutet „langes Leben“. Wie wichtig ist es, lange auf der Welt zu sein?
Überhaupt nicht wichtig. Das hängt da, weil ich es schön finde, kaligraphisch, und weil es ein wertvolles Geschenk aus China ist. Für mich ist die Frage nach langem Leben überhaupt kein Thema.

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Ein Freund von mir sagt immer: „Nicht die Anzahl der Jahre ist entscheidend, sondern ihre Erfüllung“.
Selbst das ist mir schon zu hoch- ich muss sagen, ich bin privilegiert, weil ich nicht zum Grübeln neige. Ich stelle mir nicht einmal die Sinnfrage. Es kommt, wie es kommt.

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Pater Siebner, vielen Dank für dieses Gespräch.
 
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Adresse

  Kolleg St. Blasien e. V.
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Fürstabt-Gerbert-Str. 14, 79837 St. Blasien
Telefon 07672/27-0, Fax: 07672/27-271
www.kolleg-st-blasien.de
 
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